Moderne Verwaltung verlangt Digitalisierung

Thomas Wünsch, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt, ist sich sicher: Die Digitalisierung bietet enorme Potenziale für Bürger, Unternehmen, Vereine und Verbände. (Foto: Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt/Andreas Lander)

Thomas Wünsch, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt, sowie Dirk Arendt, Leiter Public Sector & Government Relations bei Check Point Software Technologies, nahmen in ihren Interviews Stellung zu den größten Herausforderungen des Digitalen Zeitalters: Verwaltungsmodernisierung und IT-Sicherheit.

Herr Wünsch, die Digitalisierung ist in aller Munde und wird auch in Zukunft ein wichtiges Thema bleiben. Leider herrscht in der Öffentlichkeit vielfach noch die Meinung vor, dass die Behörden des Bundes und der Länder noch zu wenig tun, damit der Bürger auch die Vorteile der Digitalisierung genießen kann. Wie ist Ihre Perspektive dazu, stimmt das öffentliche vermittelte Bild? Hinkt Deutschland noch hinterher in Sachen Digitalisierung?

Wünsch: Beim Thema Digitalisierung liegt noch ein langer Weg vor uns – das lässt sich nicht wegdiskutieren. Das gilt sowohl für die Schaffung der notwendigen Breitbandinfrastruktur, als auch für die Digitalisierungsprozesse an sich. Gleichwohl haben sich schon viele Behörden mit Unterstützung des Landes auf diesen Weg gemacht. In immer mehr Bereichen lassen sich inzwischen auch in Sachsen-Anhalt Anträge online stellen oder öffentliche Daten herunterladen. Diesen Weg werden wir weiter beschreiten. Klar ist aber auch: Die Digitalisierung wird nicht das erhoffte Heilsmittel sein, wenn wir einfach nur analoge Verwaltungsprozesse in digitale wandeln. Mindestens genauso wichtig ist eine fundierte Aufgabenkritik.

Welche Maßnahmen möchten Sie in den nächsten Monaten und Jahren initiieren um dieses Bild in Sachsen-Anhalt zurecht zu rücken? Können Sie hier aus Sicht der digitalen Verwaltung auch einen Blick auf die Aspekte Arbeitswelt, Bildung & Erziehung, ländlicher Raum und Bürgerkommunikation werfen?

Wünsch: Der Ansatz unserer Digitalen Agenda ist ein anderer. Wir sehen Digitalisierung nicht aus Sicht der Verwaltung, sondern als der koordinierende Player unter vielen Beteiligten. Seit Anfang 2017 diskutieren wir Land auf Land ab, wie diese Digitale Agenda für Sachsen-Anhalt aussehen kann. Nach dem intensiven Dialog mit vielen Interessenvertretern fügt sich das Puzzle zusammen. So wird die Digitale Agenda viele Bereiche umfassen, darunter natürlich auch die neuen Anforderungen an die Arbeitswelt und unser Bildungswesen oder die Chancen, welche die Digitalisierung gerade für den ländlichen Raum mit sich bringt. Einen umfassenden Eindruck davon vermittelt unser Digitalportal www.digital.sachsen-anhalt.de.

Welchen Einfluss sollte die IT-Sicherheit auf die Digitalisierung haben? Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken der Digitalisierung, wenn Sie an die digitale Verwaltung in Ihrem Bundesland denken? 

Wünsch: Digitalisierung kann nur mit IT-Sicherheit und Datenschutz zusammen gedacht werden. Einerseits braucht es sichere IT-Infrastrukturen. Andererseits muss man in einer zunehmend digitalisierten Welt darauf vertrauen können, dass Daten bestmöglich geschützt werden.

Sie bereiten derzeit eine beschlussfähig ausformulierte digitale Agenda vor und haben das Thema damit zur Chefsache gemacht. Welche Eckpunkte möchten Sie hier besonders hervorheben, die wir noch nicht besprochen haben?

Wünsch: Das Wichtigste ist der ganzheitliche Ansatz. Die Digitale Agenda des Landes Sachsen-Anhalt wird natürlich zunächst einmal alle Initiativen und Maßnahmen der Landesverwaltung bündeln. Aber wir gehen noch weiter. Wir wollen alle einbeziehen, weit über die Verwaltung hinaus. Die Digitalisierung bietet enorme Chancen für die Bürgerinnen und Bürger, für Unternehmen sowie für Vereine und Verbände – also für die gesamte Gesellschaft in unserem Land. Diese Chance wollen wir gemeinsam beim Schopfe packen.

Können Sie uns ein paar Einblicke in die Online-Diskussionen mit den Bürgern geben, die über die „Online-Konsultationen“ geführt wurden? Was wünschen und erwarten sich die Bürger von einer digitalen Verwaltung außer natürlich, dass sich wahrscheinlich viele die Behördengänge sparen wollen?

Wünsch: Die Online-Konsultation lief äußerst vielschichtig. Da ging es bei weitem nicht nur um die digitale Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung. Aber natürlich gab es auch viele Anregungen zum künftigen Zusammenspiel von Verwaltung und Zivilgesellschaft. Besonders gefreut hat mich, dass viele Menschen die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht nur kritisiert haben. Vielmehr lieferten sie oftmals ganz konkrete Vorschläge, wie sich ein guter Ansatz noch weiterentwickeln lässt. Die Ministerien nehmen das auf und sind dankbar für diesen Input.

Eine letzte Frage noch zum Thema Kompetenzbündelung. Sie haben in Sachsen-Anhalt einen anderen Weg gewählt als der Bund und in Sachen Digitalisierung das Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung beauftragt, sich der Digitalen Agenda anzunehmen. Ist diese Bündelung der Kompetenzen aus Ihrer Sicht sinnvoll oder sogar notwendig?

Wünsch: Den Weg, den wir beschreiten, gehen auch andere Bundesländer so oder ganz ähnlich. Wir setzen auf einen ganzheitlichen Ansatz und legen den Fokus auch, aber nicht nur auf die Entwicklung der Verwaltung hin zu einem digitalen Dienstleister. Genauso wollen wir die Wirtschaft einbinden, mit Förderprogrammen und Netzwerkarbeit, oder den ländlichen Raum, etwa mit den Themen Mobilität und E-Health. Wir haben bei der Digitalen Agenda alle Facetten der Digitalisierung im Blick; die Maßnahmen werden dann von den einzelnen Ministerien im Rahmen ihrer Zuständigkeit umgesetzt. Es passiert schon sehr viel. Die Digitale Agenda will all das zusammenbringen, ohne einzelne Verantwortlichkeiten zu beschneiden. Das ist der richtige Weg.

 

Dirk Arendt, Leiter Public Sector & Government Relations bei Check Point Software Technologies, weist auf die Chancen und Gefahren des Internets hin. (Foto: Checkpoint)

Des Weiteren wurden Fragen zum Verhältnis von Digitalisierung und IT-Sicherheit an Dirk Arendt, Leiter Public Sector & Government Relations bei Check Point Software Technologies, gestellt.

 

Herr Arendt, wie können sich Behörden und öffentliche Verwaltungen künftig vor Ransomware-Attacken wie WannaCry und Petya schützen?

Arendt: Eines steht fest: Der klassische Virenscanner reicht nicht mehr aus! Von dieser Vorstellung müssen wir uns lösen: Neue Modelle sind gefragt. Gute Lösungsansätze bedeuten eine Kombination aus der Nutzung von guter Software und guter Hardware – gepaart mit einer gewissen Nutzerfreundlichkeit. Das war in der Vergangenheit leider oft ein Manko. Software by Design ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort für die Zukunft. Eine tragende Rolle spielt auch die Architektur, etwa die Segmentierung des Netzwerks und natürlich ein Notfallplan für Sicherheitsvorfälle. Darüber wird viel zu selten nachgedacht. Nutzer- bzw. Mitarbeiterschulungen werden sich ebenfalls als entscheidend erweisen. Vielleicht sollten hierbei auch vermehrt spielerische Ansätze zur Schulung (z.B. „Gamification“) zum Einsatz kommen. Ein Beispiel könnte ein Quiz sein, bei dem Mitarbeiter über ein Punkteranking am Ende des Monats eine Belohnung erhalten, wenn sie die Security Awareness-Aufgaben erfüllt haben.

Welchen Einfluss sollte die IT-Sicherheit auf die Digitalisierung haben? Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken der Digitalisierung?

Arendt: Die IT-Sicherheit ist ein Querschnittsthema. Leider ist das noch nicht überall so verstanden worden, siehe etwa die Digitale Agenda des Bundes – und aus meiner Sicht sollte die IT-Sicherheit mehr Beachtung finden, als dies bisher der Fall war. Außerdem braucht es ein höheres Maß an Sensibilisierung. Die Digitalisierung sollten wir auf alle Fälle als Chance sehen, gleichzeitig dürfen wir aber auch das Risiko nicht aus den Augen verlieren. Dieser Punkt ist wichtig, weil oft genau das in der Vergangenheit geschehen ist. Dabei gilt es alle Beteiligten mitzunehmen.

Welche Maßnahmen in der digitalen Verwaltung sehen Sie als am wichtigsten und dringlichsten an? Welche Projekte sollten die größte Priorität genießen?

Arendt: Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass die Digitalisierung der Verwaltung ein allumfassender Prozess ist, das geht nicht von heute auf morgen und durch zwei, drei Projekte. Letztendlich müssen vor allem die internen Prozesse in den Amtsstuben neu aufgesetzt und den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen angepasst werden. Das geht aber nur, wenn auch der Bürger stärker in die traditionellen Prozesse einbezogen wird: Eine Co-Produktion von Verwaltung und Bürgern bei der Erledigung bestimmter traditioneller Aufgaben der Verwaltung. Grundsätzlich gilt für eine moderne und zeitgemäße Verwaltung: Übergreifende Prozesse aufbauen, über Ressortgrenzen hinweg denken und Abschied nehmen von Silo-Gedanken. Und in Bezug auf das Thema IT-Sicherheit müssen auch die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter gefördert werden. Besonders das Thema Security Awareness muss einen festen Platz in der Ausbildung einnehmen! Neue Instrumente besitzen auch das Potenzial Mitarbeiter bei der tagtäglichen Arbeit zu entlasten. Als Beispiel für ein solches Instrument dienen etwa sogenannte Chat Bots, die sich in der öffentlichen Verwaltung für bestimmte Prozesse einsetzen lassen. In den Verwaltungen bei denen es Sinn macht, sollten neue Ideen gefördert werden, um die Digitalisierung voranzutreiben, selbstverständlich auf der Grundlage von abgesicherten IT-Systemen.